Geschichte - Zeitzeugenbericht

Bericht eines Zeitzeugen


Unser Ehrenmitglied Karl Ulrich, der einzige der "alten Schützen", der zur Wiedergründung 1992 noch lebte, berichtete uns von den 30er Jahren:

Ein Schützenfest war in Stecklenberg schon immer ein großes Ereignis. Die Männer liefen stolz in ihren Uniformen herum und jede Frau hatte ein neues Kleid an. Der Schützenverein mit seinen damals etwa 40 bis 50 Mitgliedern konzentrierte seine ganze Kraft auf dieses Ereignis, während er in den übrigen Wochen des Jahres nicht aktiv war. Das Schützenfest fand immer am 2. Sonntag im August statt. An den zwei Sonntagen vor dem eigentlichen Fest wurden Übungsschießen für die Mitglieder veranstaltet. Man schoss damals auf dem jetzigen Gelände des Schwimmbades. Nachdem das Bad ( seit 1935 ) gebaut worden war, wurde es an diesen Tagen abgesperrt . Der Verein hatte Mühe, daß alle Mitglieder auch Uniformen besaßen. Darum wurden auf Vereinskosten jährlich einige Uniformen gekauft, die dann zu den Übungsschießen ausgeschossen wurden. Das klappte so gut, daß niemand zwei Uniformen bekam und fast alle schon eine gewonnen hatten. Jedenfalls hat sich wahrscheinlich niemand seine Uniform selbst gekauft. Am Sonnabend vor dem eigentlichen Fest fand im "Waldfrieden" ein Kommers statt, man könnte auch Tanzabend sagen. Gleichzeitig war bei Ungefroren ( jetzt Kulturraum ) Tanz. Das Schützenfest begann am Sonntag nach dem Mittag ( etwa 14 Uhr ) mit der Abholung des alten Schützenkönigs, des Hirschkönigs und des Jugendkönigs ( damals nahmen die Frauen noch nicht am Schießen teil ). Bei jedem der Umzüge gab es eine bestimmte Ordnung, bei der der Schützenhauptmann zu Pferd voran ritt. In all diesen Jahren war das Wilhelm Stetz, ausgerüstet mit einer würdigen Bauchschärpe, einem Säbel und einem runden Schirmhut. Einen Schirmhut trug auch sein Stellvertreter, Feldwebel genannt. Die anderen Mitglieder trugen zu ihrer grünen Uniform einen Filzhut mit Kokarde, der sich in der Form an die Hüte des Deutschen Süd-West-Afrika-Korps anlehnte. Und natürlich hatten alle ihre gewonnenen Orden und Ehrenzeichen an die Brust geheftet, die Könige ihre Königsketten umgelegt. Hinter dem Hauptmann schritt zu Fuß der Fahnenträger, begleitet von zwei Mitgliedern, dazu gesellten sich die Könige. Danach kam die Kapelle und dann die übrigen Mitglieder. Jährlich wurden drei Kapellen angeschrieben, um deren Preise festzustellen. Mit Kapellmeister Bläs aus Suderode hatte man aber die Vereinbarung, daß er noch 20 Mark unter dem tiefsten Gebot liegen würde. So kam es, daß stets die Bläsīsche Kapelle mit ihren 15 bis 20 Mitgliedern zum Umzug und dann auch nachmittags und abends aufspielte. Der ganze Umzug marschierte zum Festplatz hinter dem "Waldfrieden" ( jetzt Vorplatz zum Tupperlager ). Dort waren Buden und Karussells zur Volksbelustigung aufgebaut. Die Schützen begaben sich zum Schießplatz ( am Bad ). Geschossen wurde auf eine Distanz von 80 Metern auf eine einzige 12er -Scheibe. Die Scheibe befand sich am Hang neben dem Gelände des Bades ( auch als Sonnenbad bekannt). Es wurde also leicht schräg nach oben geschossen. Unter der Scheibe saß in einem Graben der Ansager, der die Ergebnisse rief und die Einschüsse wieder zuklebte. Die zwei Büchsen stellte Ludwig Kranert zur Verfügung. Er machte auch die Patronen dazu selbst. Jedes Jahr stiftete er zwei Orden für die Übungsschießen. Am Sonntag fand ein weiteres Übungsschießen statt. Am Abend ging man wieder zum Tanz. Die Dorfjugend schoss während dessen ihren Jugendkönig aus. Dazu hatte man einen Luftgewehrstand in einem Garten aufgebaut. Die Kinder hatten einen Wettbewerb mit Blasrohr. Es wurden Luftgewehr-Pisken geblasen, die die Scheibe auch durchschlugen. Blasrohre gab es damals zu kaufen. In einem Umzug brachte man den Jugendkönig nach Hause, wo Limonade spendiert wurde. Montags kamen noch einmal sehr viele Gäste. Am Montag Nachmittag war das Königsschießen. Jedes Mitglied des Vereins hatte 3 Schuß. Es wurde stehend aufgelegt geschossen. Bei Gleichstand der Besten war ein Stechen vorgesehen. Gegen Abend stand der Schützenkönig fest. Auf dem Festplatz fand die Ehrung statt. Dem neuen Schützenkönig wurde die Königskette umgehängt, die er bis zum nächsten Schützenfest behielt. Dem zweitbesten Schützen wurde die Ehre zuteil, für ein Jahr der Fahnenträger zu sein. Mit einem großen Umzug brachte man den Schützenkönig nach Hause. Es wurden 2 oder 3 Ständchen gegeben, dann gingen 2 bis 3 Begleiter mit ins Haus, um zu gratulieren. Natürlich bekamen sie einen Schnaps. Vielleicht traute sich auch manch Schützenkönig nicht allein nach Hause, denn die Angelegenheit war ja nicht ganz billig. Inzwischen wurden zwei grüne Bäume an die Haustür gestellt. Der Umzug ging dann ohne König zurück zum Festplatz, wo er sich auflöste. Am Abend war dann wieder Tanz. Am darauffolgenden Sonntag wurde nachmittags das Abschießen veranstaltet. Der Ansager im Graben bewegte eine 12er Schießscheibe von ca. 1 x 1 m mit einer Stange von links nach rechts. Wieder hatte jeder Schütze 3 Schuß, die er während der Bewegung der Scheibe abgeben mußte. Der Schütze mit den meisten Ringen war der Hirschkönig Auch der Hirschkönig wurde mit einem Umzug nach Hause begleitet. Abends war wiederum Tanz. Ein paar Tage später befestigten dann die Mitglieder an den Häusern der Könige Tafeln von ca. 75 x75 cm mit der Aufschrift "Schützenkönig" bzw. "Hirschkönig" und der Jahreszahl. An einem späteren Wochenende veranstaltete der Schützenverein unter sich einen gemütlichen Abend. Essen und Getränke waren frei, denn den Abend bezahlten die beiden Könige. Der Verein gab dem Schützenkönig 50 und dem Hirschkönig 25 Mark dazu, da so ein Abend leicht 200 Mark kosten konnte. Der Wochenverdienst lag bei etwa 35 Mark.

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